Anton war an diesem Morgen allein unterwegs. Er hatte mir nichts gesagt, und das war ungewöhnlich. Normalerweise spürte ich, wenn eine Geschichte weitergehen wollte, wie ein leises Ziehen irgendwo zwischen den Momenten. Heute war es Anton, der zog.
Sein ruhiger Ort lag etwas ausserhalb der Stadt, ein Platz, der nicht versteckt war, aber den man nicht findet, wenn man ihn sucht. Eine Bank, etwas verwittert, daneben ein Baum, der aussah, als würde er die Welt eher beobachten als beschatten. Das Licht fiel weich auf die Holzlatten, als wäre es zu höflich, diesem Ort zu nahe zu kommen.
Anton setzte sich, legte seine Hände offen auf die Knie und wartete. Nicht auf jemanden, sondern auf das, was kommt, wenn man lange genug still ist. Er atmete langsam, gleichmässig. Die Art von Atem, die ein Mensch nur hat, wenn er sich selbst zur Ruhe zwingt.
Nach einer Weile zog er den Zettel hervor. Den, den er gestern erhalten hatte, ohne dass ich sah, von wem. Ein Zettel, den er bisher nicht aufgefaltet hatte. Er betrachtete ihn, als würde er versuchen, das Gewicht des Inhalts durch das Papier zu spüren.
Er öffnete ihn.
Langsam.
Ein Namem nicht mehr auch kein Kommentar, kein Datum, keine Erklärung. Nur ein Name, der in seiner Einsamkeit lauter wirkte als ganze Sätze.
Anton las ihn einmal, dann ein zweites Mal. Die Art, wie seine Augen sich kurz verengten, verriet mir später, dass der Name eine Bedeutung hatte, die ich noch nicht kannte. Es war kein Schock. Eher ein Wiedererkennen. Ein Schatten, den man dachte, längst hinter sich gelassen zu haben.
Ich kam erst dazu, als er den Zettel zusammenfaltete. Er hörte meine Schritte, ohne sich umzudrehen.
"Du bist früh", sagte er.
"Du auch", antwortete ich.
Er reichte mir den Zettel nicht. Und ich fragte nicht danach. Manche Dinge muss man selbst sehen, wenn die Zeit dafür stimmt.
Anton stand auf, klopfte sich die Hände ab und blickte in die Richtung, aus der der Wind kam. Die Bäume bewegten sich kaum. Es war ein Tag, der so still begann, dass man fast glauben konnte, er wolle uns etwas sagen.
"Es geht um jemanden, den ich kenne", sagte er leise.
"Freund, Feind?", fragte ich.
Er überlegte kurz. "Kompliziert."
Dann ging er los. Kein hektisches Tempo, kein Drang. Nur diese entschlossene Ruhe, die er immer dann hatte, wenn etwas in ihm bereits beschlossen war. Ich folgte ihm, einen Schritt dahinter, wie immer.
Die Spur führte uns in ein Quartier, das gewöhnlich wirkte. Häuser, die einander gleichen, Wege, die niemand beachtet, Türen, die längst gelernt haben, wer durch sie geht und wer nicht. Anton blieb mehrmals stehen, als würde er etwas hören, das ich nicht wahrnahm. Ein Rhythmus. Ein Fehler. Eine Unterbrechung im Muster.
Beim dritten Halt blickte er auf den Boden.
Reifenspuren im feuchten Kies ganz frisch. Zwei unterschiedliche Profilem eines sauber gesetzt, regelmässig. Das andere zu nah am Rand, leicht ausbrechend.
"Der zweite fährt nicht gut", murmelte er.
Ich wusste sofort, was er meinte. Der zweite Täter. Der Unsichere. Der, der nicht Teil des Plans war, sondern Teil des Problems.
"Er macht Fehler", sagte ich. "Ja. Und Fehler hinterlassen Spuren."
Wir folgten den Abdrücken bis zu einem Hintereingang eines Hauses, dessen Tür nur angelehnt war. Nicht offen, aber auch nicht geschlossen. Eine Geste, die nichts von Zufall hatte.
Anton blieb stehen. Sein Körper wurde still. Nicht angespannt, nicht ängstlich. Eher wie ein Tier, das den Wind prüft, bevor es weitergeht.
"Er war hier", sagte er leise. "Er ist nicht der Profi. Er ist der, der Angst bekommt, wenn es zu ruhig wird." "Und der Name?", fragte ich. Anton sah mich an, und zum ersten Mal an diesem Tag lag ein Hauch von Müdigkeit in seinem Blick.
"Der Name hat ihn hierher gebracht. Aber nicht wegen der Nacht in der Garage. Wegen etwas, das davor liegt."
Er legte die Hand an die Tür, drückte sie einen Zentimeter weiter auf, nicht mehr. Gerade genug, um den Raum dahinter riechen zu lassen. Metall, Staub, alte Luft. Und etwas anderes. Eine Nervosität, die sich festsetzt wie ein Geruch, den jemand zurücklässt, wenn er zu schnell geht.
"Der zweite Täter", sagte Anton. "Er rennt. Und Menschen, die rennen, machen mehr Lärm als sie sollten."
Er sah mich an. "Wir finden ihn. Aber nicht heute."
Und zum ersten Mal seit Tagen wusste ich: Die Geschichte hatte gerade erst begonnen.
Antons Welt wächst mit jeder Nacht.
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Jede Geschichte beginnt mit einem Moment, den man nicht ignorieren kann.

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