Anton lebt in jener Zone, in der der Alltag zu flüstern beginnt, wenn eine Tür nicht schliesst, ein Licht zu früh ausgeht oder ein Schatten länger bleibt als er sollte. Dies sind seine Geschichten. Von Sicherheit, die mehr ist als Technik, und von Menschen, die mehr verbergen als ihre Haustüren. Erzählt von Adrian Hetzke.
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Dienstag, 23. Dezember 2025
Anton – weitergehen
Ich merke es nicht sofort. Vielleicht merkt Anton es selbst auch nicht gleich. Es ist nichts, was man festmachen könnte, kein Ereignis, kein Satz, der hängen bleibt. Es ist eher ein Gefühl, das sich zwischen zwei Terminen einschiebt, waehrend alles scheinbar ganz normal weiterläuft.
Anton sitzt bei einer Kundin am Tisch, helles Licht, Kaffee, eine dieser ruhigen Wohnungen, in denen man meint, alles im Griff zu haben. Er hört zu, stellt Fragen, zeichnet ein paar Linien auf Papier. Doch während sie spricht, wandert sein Blick kurz zur Balkontuer. Nicht, weil sie offen ist. Sondern weil sie zu selbstverständlich geschlossen wirkt. Ein kleiner Moment. Kaum sichtbar. Und doch bleibt etwas davon hängen.
Er sagt nichts dazu. Noch nicht.
Später, im Auto, greift er nicht zum Telefon, er sitzt einfach da, lässt die Gedanken kommen und gehen. Er weiss, dass Wahrnehmung nichts ist, was man erzwingen kann. Sie zeigt sich, wenn man still genug wird. Der Zettel, der seit Tagen wie ein leiser Schatten mitläuft, meldet sich nicht mit Worten, sondern mit Haltung. Wach bleiben. Auch dann, wenn nichts offensichtlich falsch ist.
Der Nachmittag verläuft ruhig. Termine, Gespräche, Notizen. Und doch sammelt Anton unbewusst Kleinigkeiten. Eine Tür, die immer abgeschlossen ist, obwohl niemand genau weiss warum. Ein Licht, das nachts brennt, ohne dass jemand es benennen kann. Sätze wie: Eigentlich fühlen wir uns sicher. Anton weiss, dass „eigentlich“ oft der wichtigste Teil eines Satzes ist.
Am Abend sitzt er wieder am Tisch. Die Ärmel hochgekrempelt, der Stift in der Hand. Er schreibt nicht sofort Konzepte. Zuerst ordnet er Gedanken. Nicht systematisch, sondern ehrlich. Er streicht mehr, als er schreibt. Und dann hält er inne.
Nicht wegen des Zettels.
Sondern wegen der Erkenntnis, dass sich etwas verschiebt.
Anton merkt, dass es in seiner Arbeit nicht mehr nur darum geht, Risiken zu erkennen, sondern Zusammenhaenge. Muster, die nicht laut werden, sondern leise bleiben. Er weiss, dass diese Phase nicht spektakulär ist. Aber er weiss auch, dass genau hier Entscheidungen entstehen, die später einen Unterschied machen.
Ich sehe ihn am Fenster stehen. Draussen wird es langsam dunkel. Drinnen ist alles ruhig. Anton wirkt nicht angespannt. Aber aufmerksamer als zuvor. Als hätte jemand den Kontrast leicht erhöht.
Weitergehen heisst nicht, etwas zu suchen.
Weitergehen heisst, bereit zu sein, wenn sich etwas zeigt.
Anton bleibt.
Und genau dadurch geht er weiter.
Fortsetzung folgt.
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