Montag, 15. Dezember 2025

Der Mann, der Spuren hört

Der Mann, der Spuren hoerte


Anton sprach selten über seine alten Kontakte. Nicht aus Geheimniskrämerei, sondern weil manche Menschen zu jenen gehören, die man nur dann erwähnt, wenn es wirklich nötig ist. Und heute war einer dieser Tage.

Wir gingen gemeinsam durch die schmale Seitenstrasse, die von der Werkstatt wegführte. Die Stadt war noch müde, die Morgenluft kühl, und Anton hatte diesen Blick, der andeutete, dass sein Kopf bereits zwei Schritte voraus war. Ich lief neben ihm, ohne zu fragen. Manchmal ist Schweigen die einzige Sprache, die der Moment akzeptiert.

Der Kollege, den wir treffen würden, hiess Mara. Ein Name, der nicht zu den Händen passte, die er hatte. Grosse Hände, kräftig, mit feinen Narben über den Knöcheln verteilt, als hätten sie Geschichten in die Haut gegraben. Mara war früher bei einer Spezialeinheit gewesen, bevor er sich zurückgezogen hatte. Er hörte Spuren, bevor andere sie sahen. Anton vertraute ihm. Das war Grund genug für mich, keine Fragen zu stellen.

Wir fanden ihn in einer alten Halle am Stadtrand. Ein Ort, der aussah, als hätte er längst aufgegeben und würde trotzdem jeden Tag weitermachen. Die Fenster waren blind vom Staub der Jahre, die Tür schwer wie ein Geheimnis. Anton klopfte nicht. Er drückte die Klinke, und die Halle begrüsste uns mit einem langen metallischen Seufzer.

Mara sass an einem Tisch, ein Schraubenschlüssel in der Hand, den er drehte wie einen Federkiel. Seine Augen, hell und aufmerksam, hoben sich, als wir näher kamen.

"Anton", sagte er, ohne zu lächeln. "Und du musst der sein, der mitschreibt."

Ich nickte. Er hatte recht, ohne dass ich etwas gesagt hatte.

Anton setzte sich ihm gegenüber, die Arme locker auf dem Tisch abgelegt. Kein Handschlag, keine Förmlichkeit. Menschen wie die beiden sprachen nicht mit Gesten, sie sprachen mit Blicken.

"Die Werkstatt", begann Anton.

"Ich habe davon gehört", sagte Mara. "Saubere Arbeit. Zu sauber."

Er legte den Schraubenschlüssel zur Seite und beugte sich nach vorne. Die Halle war still, aber nicht leer. Sie hatte dieses gedämpfte Summen alter Maschinen, das sich wie ein zweiter Atem unter jedes Gespräch legte.

"Zwei Personen", sagte Mara. "Der eine schnell, unsicher. Der andere ruhig. Das Muster kenne ich."

Anton sah ihn ruhig an. "Ich weiss."

"Der Ruhige ist das Problem. Der andere ist nur Ballast. Einer, der im Weg steht und trotzdem mitläuft. Wir hatten solche Paare oft. Einer zieht die Linie, der andere verwischt sie."

Ich beobachtete die beiden, wie sie redeten, ohne viele Worte zu brauchen. Es war, als würden sie an einem unsichtbaren Faden ziehen, der durch die Nacht der Werkstatt gespannt war.

"Sie waren wieder dort", sagte Anton leise.

Mara schloss kurz die Augen, als hätte ihn das nicht überrascht, sondern bestätigt.

"Natürlich waren sie das. Die Guten gehen nie zweimal. Die Gefährlichen immer."

Er griff nach einem Notizbuch, schlug eine Seite auf, die voll war mit Skizzen, Zeitmarken und Pfeilen, die nur für ihn Sinn ergaben.

"Ich gebe dir einen Namen", sagte er. "Keinen sicheren. Aber einen, der dich in die richtige Richtung bringt."

Anton nahm den Zettel entgegen. Er faltete ihn nicht, steckte ihn nicht weg. Er legte ihn einfach auf den Tisch und sah ihn an, als würde der Name erst Bedeutung bekommen, wenn er bereit war.

Mara stand auf, streckte die Finger, als hätte er zu lange einen Gedanken gehalten, der schwerer war als das Werkzeug davor.

"Pass auf dich auf, Anton. Solche Spuren führen selten dorthin, wo man sie erwartet."

Anton nickte. "Tun sie nie."

Wir verabschiedeten uns ohne grosse Worte. Draussen war die Luft klarer als zuvor, als hätten wir etwas hinter uns gelassen, das nicht in diese Strasse gehörte.

Anton steckte den Zettel nun ein. "Ein Anfang", sagte er. Mehr nicht.

Wir gingen weiter, und ich merkte, dass er auf dem Weg war zu diesem ruhigen Ort, von dem er nie sagte, wo er liegt. Ein Ort, an dem Gedanken Platz finden. Vielleicht auch der Name auf diesem Zettel.

Ich folgte ihm wortlos. Denn manchmal beginnt eine Geschichte genau dann, wenn ein Name noch keine Bedeutung hat.

 

Antons Welt wächst mit jeder Nacht.
Wenn du mehr Geschichten aus seinem Alltag lesen möchtest, folge dem Blog oder teile mir mit, welche Beobachtungen dich selbst nicht loslassen.
Jede Geschichte beginnt mit einem Moment, den man nicht ignorieren kann. 

 

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